Gary Snyder: Lektionen der Wildnis

 Habe nun die Essays von Gary Snyder ganz gelesen. 

Sie handeln vom Leben mit und in der Natur ebenso wie von Naturmythen und »heiligen Orten« in verschiedenen Religionen. Snyder untersucht Entstehung und Bedeutung alter Wanderwege und Fußpfade, erzählt vom Hausbau in den Wäldern und von spirituellen Ausrichtungen fremder Kulturen. Er veranschaulicht globale biologische Entwicklungen und preist die kulturelle Praxis des Gehens. Snyders Essays, selbst blühende, lebendige Wildnis, sind Erfahrungsbericht und philosophische Reflexion, bieten Anleitungen zum richtigen Leben und liefern Anregungen zum Nachdenken über Lebensgewohnheiten und das eigene Verhältnis zur Natur.

Geboren 1930, wuchs er in den Wäldern von Washington als Sohn eines Farmers auf. Frühe Begegnungen mit der Kultur der Ureinwohner und das Alleinsein in der Wildnis der Wälder und Berge führten zu seinem Interesse an naturnahen Kulturen. Er studierte Anthropologie und Literaturwissenschaften und machte zwischendurch eine erste lange Seereise. Statt ein elitäres Akademikerdasein zu fristen, ging er mitten ins Leben hinein: »Keiner von der Besatzung hat je gemerkt, dass ich die Universität besucht hatte.« Nach dem Hochschulabschluss arbeitete er als Holzfäller, Forstaufseher und Steinmetz. »Erziehung ist nur sinnvoll, wenn man dazu bereit ist, für die Entziehung ebenso viel Zeit aufzuwenden […] wieder mit Leuten in Berührung zu kommen, mit einfachen Dingen.« (https://lesen.oya-online.de/texte/244-der-dichter-als-kundschafter.html)

Gary Snyder beschreibt seine „Lektionen der Wildnis“ als eine „Meditation darüber, was es heißt, Mensch zu sein.“ Und da es Snyder ist, der hier meditiert, lockt er den Leser, ihm zu folgen, hinein in sein wildes Universum: voller Indianermythen, chinesischer Dichter, Lumberjacks, Bären, Heilern und Zen-Mönchen. Ein Synder-Universum eben.
In seinen Essays nun beobachtet Synder das Wilde, um „dann darüber Geschichten zu erzählen“. Gut gelaunt pflückt er dabei die Worte und Bedeutungen auseinander, als wären sie Grünpflanzen. Er ist erst zufrieden, wenn er die Sanskrit-Wurzel ausgegraben hat, auf ihr herumkaut und schmeckt, woher der Begriff Kultur kommt. Mit vollem Mund führt er uns über Landschaftsbeschreibungen zum Kern der Sache: Wir gehören in die Wildnis!
„Lektionen“ ist eine nicht ganz korrekte Übersetzung des Originaltitels „Practice of the Wild“. Snyder will durch die Praxis lernen und bewusst dabei sein, im Einklang. Eine der vielleicht schönsten Stellen ist eine seiner buddhistischen Reflexionen über das Nicht-Aufgeben, über das Eindringen in die Tiefe des Seins, wo die Wildnis wieder aufblühen wird: „Verschaffe dir Kontrolle über deine eigene Zeit; bewältige die 24 Stunden. Mach es gut, ohne Selbstmitleid.“ (https://www.deutschlandfunkkultur.de/raus-aus-der-ordnung-100.html)

Gary Snyders „Lektionen der Wildnis" münden in die Verteidigung einer besonderen Form des Besitzes: der Allmende. Den Gemeinschaftsbesitz kleiner, ländlicher Kommunen hält der Autor für den einzigen wirksamen Widerstandsraum gegen die Zerstörung der Natur durch kapitalistisches Wirtschaften.
(https://www.cicero.de/kultur/gary-snyder-wilder-westen-wildness-fruchtbarer-boden-freie-amerikaner/48014) Das ist dann auch ein Stück Hoffnung in neueren Entwicklungen von Gemeinschaft. Denn Snyder hat sein Buch in den 70ern geschrieben. Und seitdem hat sich die Ausbeutung der Natur nicht verlangsamt - eher gesteigert ....

Dazu vielleicht noch eine Podcast - Reihe : Wie sähe die Erde aus, wenn es den Menschen nie gegeben hätte - oder wenn er vor 600 Jahren verschwunden wäre? Und wie würde es heute auf unserem Planeten weitergehen, ganz ohne uns? Drei Gedankenexperimente, drei Podcast-Folgen!