In der NN war am Freitag 25.September eine wunderbare Rezension von Bernd Noack zum Buch Oktoberfest von Stefanie Sargnagel (!) zu lesen. Hier der Inhalt:
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| Stefanie Sargnagel |
Drei Tage erkundete die junge österreichische Schriftstellerin Stefanie Sargnagel das Münchner Oktoberfest – und schrieb nun ein gehässiges kleines Buch darüber. Als Franke könnte man sich das nie erlauben...
Der Franke ist sehr dankbar und erleichtert darüber, dass ihm eine Österreicherin die schwere Aufgabe abgenommen hat, endlich einmal über das Münchner Oktoberfest so richtig subjektiv zu berichten. Hätte er aus dem Norden des Freistaats so geschrieben wie Stefanie Sargnagel in ihrem neuen Büchlein über die größte sanktionierte Besäufnisfeier der Welt, der oberbayerische Bannstrahl hätte ihn getroffen, die Überschreitung der Donaugrenze wäre ihm für alle Zeit verwehrt worden.
Die Dame aus dem Nachbarstaat aber darf ihre ironischen Spitzen, ihr eher angewidertes Wundern und ihre skurrilen Impressionen ohne Not auf den Markt bringen, denn bei ihr handelt es sich schließlich um fast wissenschaftliche ethnologische Erkenntnisse und Beobachtungen. Auch wenn die Bayern dort unten das nicht wahrhaben wollen.
Während wir uns also jetzt wieder 14 Tage lang nachmittags und in der Nacht am Nürnberger Bahnhof durch Massen trachtenverunzierter Fröhlichkeitsfanatiker kämpfen müssen, die im Zug, grölend auf der Hin-, speibend auf der Rückfahrt, in die Landeshauptstadt pilgern, lesen wir, abseits die bizarre Volkssturm-Szenerie betrachtend, bei Sargnagel von einem gewagten Selbstversuch.
Drei Tage hielt sie sich auf der Wiesn auf, „dem größten Fleischmarkt der Welt. Jede Bier- eine Samenbank“, muss sie feststellen zwischen „Massen an blunzenfetten Menschen“.
Drei Tage Selbstversuch zwischen Ekel und Übergriffigkeit
Aber dann werde sie brutal, und die eben noch liebkosten Kinder würden wie nasse Fetzen auf die Straße geschleudert, und „da liegen sie, schwindlig, angeschissen, schutzlos und alleine. Dann brüllen sie wie am Spieß und winden sich im eigenen Bäuerchen.“ Die feinfühlige Österreicherin schreitet da zur Andacht.
Es kann Stefanie Sargnagel, der Bachmann-Preis-Gekrönten, die uns wunderbare Bücher wie „Iowa“ oder „Opernball“ beschert hat – es kann der Autorin auch nach drei Tagen keiner weismachen, dass es am Oktoberfest irgendwas Liebenswertes gibt.
Sie weiß nun aus eigener schmerzhafter Erfahrung, wie schnell es im Geschlechtergewusel in und vor allem hinter den Bierzelten zu Übergriffigkeit kommt. Da gebe es „Warnungen von einer Dringlichkeit, wie ich sie sonst nur von Reisen in Länder mit eingeschränkten Frauenrechten kenne.“
Brauchtum, Tracht und Volksmusik als Stabilisierung der Psyche
Auf einmal ist für kurze Zeit in München aber alles erlaubt, wofür die konservative Regierung und die katholische Kirche das Jahr über zehn Kreuze in Klassenzimmern und fünfzig Vaterunser kniend verordnen würden. Tradition trifft auf Sex und Suff und paart sich ungeniert auf Wiesnhügeln.
„Endlich den ganzen deutschen Druck ablassen in einer orgiastischen Ferkelei.“ Die Besucherin findet hier „das streng gebundene und hübsch verzierte Korsett des katholischen Konservatismus“, das den Festbesuchern wochenlang Geborgenheit spendet.
Sargnagel wagt im Jubeltrubel eine Analyse: „Die Bayern sind wie Turbo-Österreicher, optimistisch blicken sie in die Zukunft, ohne Selbstmitleid und slawische Schwermut.“
Deswegen treffen sie, die verblüffte Autorin, beim Einzug der Wirte oder beim Festumzug, bei dem das Münchner Kindl seine „Reinrassigkeit“ übrigens über drei Generationen nachweisen muss, diese Münchner Alltäglichkeiten als surreale Momente und groteske Aussetzer wie Fausthiebe in den biersauren Magen.
Stefanie Sargnagel: Oktoberfest. Rowohlt, 90 Seiten, 18 Euro.





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