ein Hammerbuch

 Hab ich geschenkt bekommen und jetzt fertig gelesen: Alle, außer mir


Hammer 1: 600 Seiten mit einer irren Geschichte. Francesca Melandri schickt in „Alle, außer mir“ ihre Hauptfigur auf die Suche nach der tabuisierten Vergangenheit ihres Vaters. Die 45-jährige Lehrerin Ilaria Profeti, engagiert, linksliberal, überzeugte Anti-Berlusconianerin und immer auf der richtigen Seite, findet im Sommer 2010 einen jungen Schwarzafrikaner vor ihrer Haustür, der behauptet, der Enkel ihres Vaters Attilio zu sein – ihr Neffe also. Attilio Profeti, hochbetagt und von Demenz gezeichnet, hatte immer so getan, als sei er im Widerstand gewesen.

Ilaria beginnt zu recherchieren und stellt fest, dass sie ihren Vater nicht kennt: Als Teilnehmer des äthiopischen Krieges und Wissenschaftler der Rassenkunde hatte er aus seinen Verstrickungen später Kapital für eine glänzende Karriere geschlagen. Um ihrem umfangreichen Roman einen Rhythmus zu geben, wechselt Melandri die Erzählperspektiven, führt mehrere Zeitebenen ein und entfaltet die Geschehnisse mal aus der Perspektive Ilarias, dann aus der des jungen Attilio, schließlich aus dem Blickwinkel von dessen Vater Ernani, einem Eisenbahner und etlichen anderen. Auch Attilios äthiopische Frau Abeba kommt zum Zuge.


Hammer 2: 1935/36 eroberte das faschistische Italien völkerrechtswidrig das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien. (Ein mir noch unbekanntes Detail der Geschichte. Auch mit Mussolini hab ich mich noch nicht so beschäftigt ...) Dabei setzten die Angreifer Senfgas ein. Der Roman „Alle, außer mir“ reicht von den Grausamkeiten dieses Krieges bis in unsere Zeit. Der 1915 geborene Italiener Attilio Profeti, der 1935 zu den Invasoren gehörte, stirbt 2012. In den letzten Jahren konnte er sich wegen seiner Demenz an nichts mehr erinnern, und seine 45-jährige Tochter Ilaria, eine Lehrerin in Rom, findet erst nach und nach heraus, dass er ein Faschist gewesen war und in Äthiopien einen Sohn gezeugt hatte.

Quelle: https://www.dieterwunderlich.de/Melandri-alle-ausser-mir.htm (c) Dieter Wunderlich

Kaiserreich Abessinien hier.
Italienischer Faschismus hier.
Mangelnde Aufarbeitung in Italien hier.
Interview mit der Autorin hier.


Dieser lange Roman hat auch seine Schwächen:  Manchmal hätte die Schriftstellerin vielleicht mehr auf die Wucht ihres Stoffes vertrauen können. Dass sie die Vorgeschichte von Mussolinis Marsch auf Rom aufarbeiten will und bis in die Verästelungen von Attilios Herkunftsfamilie zurückgeht, ist ehrenwert, lenkt aber von der Brisanz ihrer Grundidee ab. Die detailreich geschilderten Biographien des Vaters Ernani und der Mutter Viola sind ermüdend und verwässern die Schärfe der vorangegangenen Kapitel. Auch die Geschicke des Bruders Otello führen eher auf Nebenpfade. Manchmal kleistert Melandri ihre Figuren mit allgemeinen Psychologisierungen zu: Viola, vom Tod ihres ersten Verlobten gezeichnet, behandelt Mann und Erstgeborenen schnöde und projiziert ihren Narzissmus auf den Zweitgeborenen. Oder Marella, Attilios erste Ehefrau, mutterlos aufgewachsen, entwickelt aus übermäßiger Bedürftigkeit eine Beziehungsstörung. Das ist dann von allem zu viel: Der Spannungsbogen fällt ab, die Konstruktion gerät ins Wanken, die Handlung wird zäh und die auktoriale Erzählerstimme behäbig. Hier hätte man sich eine größere erzählerische Ökonomie gewünscht und ein reduzierteres Personal.

Trotzdem ein Hammerbuch ! Der Titel bezieht sich übrigens  auf Attilio Profetis Motto „alle, außer mir“: Der Opportunist ist überzeugt, dass immer nur andere vom Unglück betroffen sein würden.

Quelle: https://www.dieterwunderlich.de/Melandri-alle-ausser-mir.htm (c) Dieter Wunderlich